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‘Ich versprech’s dir.’





‘Ich versprech’s dir.’

Beitragvon Julien Decoin » Mo 16. Jan 2012, 09:06

‘Ich versprech’s dir’.
Immer wieder rief Julien sich diese Worte in Erinnerung. Nein, er klammerte sich daran fest mit allem, was er war.
‘Ich versprech’s dir.’
Seitdem hatte er Jack nicht wiedergesehen. Eine Woche verging, dann eine weitere. Natürlich begann Julien sich Sorgen zu machen. Aber vielleicht hatte Jacks lange Abwesenheit etwas mit seinem Plan zu tun. Vielleicht musste er etwas vorbereiten. Vielleicht kam er schon am nächsten Tag in die Kanalisation, ein vielsagendes Lächeln auf den Lippen und einen Rucksack über die Schulter gehängt. Jedenfalls stellte Julien es sich so vor, immer wieder. Diese Vorstellung versetzte ihn jedesmal in eine Aufregung, die nur teilweise mit Vorfreude verwandt war und zu einem großen Teil aus einer diffusen Angst vor dem Unbekannten bestand. Wo würden sie hingehen? Gab es einen Ort auf dieser Welt, wo sie in Frieden leben konnten? War es überhaupt möglich, dass ein Monster wie er ein friedliches Leben führte? Friedlich. Sein ganzes Wesen widersprach dem. Er war zur Hälfte ein Tier und noch dazu ein aggressives. Damals, als Julien noch nichts weiter als ein Mensch war, dem man Tentakel verpflanzt hatte, war das anders gewesen. Er hatte Gliedmaßen, die nicht die seinen waren. Grauenhaft genug, möchte man meinen. Doch die wahre Veränderung fand schleichend statt. Die Hormone des Oktopus strömten durch seinen Körper, unterstützt von den Medikamenten, und transformierten ihn. Seine Haut wurde blasser, dann bläulich. Sein Haar veränderte seine Struktur. Die Fingernägel wurden härter, spitzer und dunkler. Dann die Zähne … Alles wurde anders. Alles wurde fremd. Julien musste sich an diesen neuen Körper gewöhnen, ob er wollte oder nicht. Und der transformierte Körper produzierte wiederum ander, neuartige Hormone, brachte Juliens Gefühlsleben durcheinander, transformierte langsam aber sicher auch sein Wesen, bis nichts mehr übrig blieb bis auf Erinnerungen daran, wie es vorher gewesen war.
Durfte ein derartiges Monster auf ein glückliches Leben hoffen?

Auch nach drei Wochen hatte Julien noch kein Lebenszeichen von Jack erhalten. Es stellte sich eine traurige Resignation ein, als er müde wurde, sich zu sorgen und als die Vorstellungen einer schönen Zukunft ihn zu verhöhnen begannen. Er widmete sich anderen Dingen, lenkte sich ab, unterdrückte seine Gedanken und Gefühle. Und als vier Wochen ins Land gegangen waren musste Julien sich der Tatsache stellen, dass er nichts, aber auch gar nichts tun konnte. Wenn Jack nicht käme, würde er mit der Ungewissheit über dessen Verbleib leben müssen. Eine Tatsache, die ihn bis ins Mark schmerzte, ihn verbitterte, ihn nach und nach schweigsam und stumpf werden ließ. Er wollte nicht mehr fühlen, denn wenn er fühlte, dann fühlte er nichts als Schmerz und Verlust. Julien gab sich seiner tierischen Seite hin und verbrachte Stunden damit, nur zu ruhen oder Fische zu jagen. Er hörte auf zu denken und die Tage wurden kürzer, blasser, ereignisloser. Nichts als Wasser, Kälte und Gestank um ihn herum, dazu die Gerippe der Tiere, die er fraß. Den Ort, an dem die Matratze lag, mied er wie die Pest. Sie roch nach Jack und er konnte diesen Geruch nicht ertragen.

Nach fünf Wochen, nach sechs … nach sieben Wochen blieb nichts als unterdrückte Wut übrig. Wut darüber, verraten worden zu sein, verlassen und vergessen worden zu sein. Wut darüber, ein Monster zu sein, kein Leben zu haben, niemanden … nichts als Einsamkeit. Er begann zu hassen: Jack, die Erinnerungen, sich selbst, die ganze verdammte Welt.
Au royaume des aveugles,
les borgnes sont rois.
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Julien Decoin
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